Wenn Linke, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker gemeinsame Sache machen. Die Hintergründe von ,Occupy Paradeplatz‘.
Es sind keine bescheidenen Parolen, mit denen die Organisateure auf ihrer Webseite für die ‚occupy-Paradeplatz‘-Aktion werben:
Die herrschenden Mächte arbeiten zum Vorteil einiger Wenigen und sie ignorieren den Willen der überwiegenden Mehrheit sowie die humanen und Umweltkosten, die wir alle zahlen müssen. Diese unerträgliche Situation muss ein Ende haben.
Ein Protest gegen die ‚herrschenden Mächte‘ also, wen auch immer die Organisatoren darunter verstehen mögen, verpackt mit populistischen Parolen, doch weiter:
Vereinigt in einer Stimme werden wir die Politiker, und die Finanzeliten, denen sie dienen, sagen, dass es an uns, den Bürgern, ist, über unsere Zukunft zu entscheiden. Wir sind keine Waren in den Händen der Politiker und Banker, die uns nicht vertreten.
Die Organisatoren richten ihren Protest demnach nicht nur gegen ‚die Politiker‘ und ‚die Finanzelite‘, sondern auch gegen die bereits obengenannten ‚herrschenden Mächte‘, die jenen angeblich dienen. Doch wenn könnten sie damit meinen? Dazu später.
Juso und Junge Grüne springen auf den Verschwörerzug
An der Volksversammlung zur Vorbereitung der Aktion im Zürcher Volkshaus, gewissermassen das Albisgüetli der hiesigen Linken, springen auch die linken Jungparteien definitiv mit auf den Verschwörungszug. Die Banken sind zurzeit unpopulär, und so kurz vor den Wahlen werden sich Juso und junge Grüne von diesem publikumswirksamen Protest wohl einiges versprechen. Auf Kritik, warum die JUSO aber gerade mit den Verschwörungstheoretikern von ‚We are Change‘ gemeinsame Sache mache, reagiert ihr Präsident David Roth genervt:
,We are change‘ wird überschätzt, […]die Organisation hat so gut wie keine Mobilisierungskraft. Kein Mensch wird am Ende von einer ,We are change,-Kundgebung sprechen.[1]
‚We are change‘ betreut währenddessen nicht nur die Facebook-Seite der Aktion, sondern wird auch auf der am Dienstag ans Netz gegangenen Webseite occupyparadeplatz.ch als Unterstützer genannt. Auch auf der Unterstützerseite der Organisation ‚echte Demokratie jetzt‘, die weitgehend identisch mit ‚we are change‘ zu sein scheint, wird auf die Webseite der Gruppe und auf andere Verschwörung-Webseiten verwiesen.
Das Weltbild der Verschwörer
Die Gruppe ‚we are change‘ gehört zu den sogenannten ‚Truthern‘. Diese Gruppierung entstand im Zuge der Anschläge vom 11. September 2001 und postulieren, dass diese Anschläge nicht von islamischen Terroristen begangen worden seien, sondern von der amerikanischen Regierung selbst, zum Zwecke der Errichtung einer neuen Weltordnung (NWO), die es auf die Versklavung der Weltbevölkerung abgesehen habe. Hinter diesem Plan vermuten die Verschwörungstheoretiker wiederum dunkle Kräfte, wahlweise die Bilderberger, die Freimaurer, oder die Juden, politisch korrekt die Zionisten genannt.
Diese Verschwörungstheorien basieren letztlich auf den klassischen antisemitischen Verschwörungstheorien des vergangenen Jahrhunderts, die von einer geheimen Weltherrschaft der ‚jüdischer Freimaurerlogen‘ fabulierten und ihnen die Verantwortung für sämtliche Revolutionen und Kriege zuschreiben. Ihren Niederschlag fanden diese kruden Ideen in den gefälschten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, ein Werk, das seither von jeder antisemitischen Bewegung rezipiert wurde, von den Nationalsozialisten bis zu der Hamas. Auch gewisse Exponenten der Szene wie Stefan Erdmann[2], Autor zahlreicher esoterischer Bücher, nehmen darauf Bezug als Beweis für die tatsächliche Existenz einer neuen Weltordnung.
HIV, Herzl und Neonazis
Wie die klassischen Antisemiten so machen auch die Truther die Juden in der bekannten Weise für jedwedes Übel auf der Welt verantwortlich. So propagiert zum Beispiel Wolfgang Eggert, bekannter Schreiber in der Szene, seien auch für die Entstehung von HIV-Virus‘ verantwortlich, das in amerikanischen Labors entwickelt worden sei.[3]
Über eben diesen schreibt der Anführer von ‚We are change‘ Dominic Schriber alias Dominic Whiteblack-brown, wie er sich bei Facebook nennt, auf seiner Pinnwand:
Ich hatte die Möglichkeit wahrgenommen Wolfgang Eggert (Journalist und Historiker) an der Bluesky-Days-Veranstaltung in Gais zu treffen und mein Wissen über die okkulten Hintergründe in Politik und Wirtschaft zu vertiefen.
In einem Artikel mit dem vielsagenden Titel ‚Rothschild, Israel und der Zionismus‘, der auf der Website von ‚we are change‘ erschienen ist, suggeriert derselbe Dominic Schriber mit einem angeblichen Herzl-Zitat, dass Herzl selbst stellvertretend für den Zionismus für die Verfolgung der Juden in Europa verantwortlich sei, weil Herzl annahm, dass die Feinde der Juden die Auswanderung der Juden fördern würden. So wird der Prophet einer Entwicklung bei den Verschwörern zum Anstifter derselben. Übrigens ein ganz typisches Truther-Verfahren, das auch beim 11. September angewendet wird.[4]
Zusätzlich pikant an diesem Zitat ist, dass sich das angebliche Herzl-Zitat in seiner deutschen Fassung einzig in einem weiteren Dokument auf dem Internet befindet, das zeitlich vor Dominic Schribers Artikel veröffentlicht wurde und zwar in einem Elaborat mit dem Titel ‚Wer sind die Khasaren?‘. Dieses erschien auf dem neonazistischen Blog ‚Terragermania‘ bereits 2009 (zu dem hier verständlicherweise nicht verlinkt wird, der aber leicht auffindbar ist) , während Schriber seinen Artikel erst 2010 verfasste. Ist Dominic Schriber also ein Neonazi? Aus diesem Dokument hat Schriber auch die Behauptung übernommen, dass die Juden von dem osteuropäischen Volk der Chasaren abstammen würden. Eine These, die sowohl durch die Geschichtswissenschaft als als auch durch genetische Untersuchungen längst widerlegt ist, sich unter Antisemiten und Antizionisten nichtsdestotrotz konstanter Beliebtheit erfreut, nicht zuletzt um Israel das Existenzrecht abzusprechen.[5]
Allianzen mit ganz links und ganz rechts
Der Schweizer Truther-Ableger ‚We are change‘, der von zwei amerikanischen Verschwörungstheoretikern gegründet wurde,[6] sucht schon seit geraumer Zeit Verbindungen zu linken und rechten Gruppierungen. So zitierte die linksextreme Zürcher Studentengruppe ‚Uni von Unten‘ Truthertexte bei ihren Protesten gegen den Besuch des konservativen amerikanischen Intellektuellen Robert Kagan, während Aktivisten von ‚We are change‘ diesem während seines Vortrags lauthals einen angeblich geplanten Massenmordes an schwarzen Amerikanern bezichtigten.[7]
Erneut in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit gelangten diese Bemühungen, als ‚We are change‘-Anführer Dominic Schriber die beiden grünen Nationalräte Daniel Vischer und Geri Müller an einer anti-israelischen Kundgebung während 45 (!) Minuten interviewte und dabei nicht an anti-israelischen und antisemitischen Aussagen geizte. Die beiden Interviewten, die auch sonst nicht den Kontakt zu antisemitischen oder islamistischen Kreisen scheuen, beantworteten den Suggestivfragen kongenial. Das war selbst dem linken Tages-Anzeiger zuviel, sonst wahrlich keine besondere kritische Stimme gegenüber linkem Antisemitismus. Sektenexperte Hugo Stamm schrieb:
Im Interview mit Geri Müller erklärt der WAC-Reporter auch, die Medien seien durch die beiden Agenturen AP und Reuters zentralisiert, beide Unternehmen befänden sich in den Händen der jüdischen Banker Rothschild. Spätestens bei dieser haltlosen Aussage und dem antijüdischen Reflex hätte Müller hellhörig werden müssen, doch er beantwortete weiterhin brav die Fragen.[8]
Nach den Medienberichten ruderten die beiden grünen Nationalräte zurück und versicherten, sie hätten die Organisation ,we are change‘ nicht gekannt und würden auf eine Löschung des Interviews bestehen. Aussagen, die sich als gänzlich unglaubhaft erwiesen angesichts der Tatsache, dass die Interviews bis zum heutigen Tag auf der Webseite von ‚we are change‘ abrufbar sind.[9] Im Gegenteil scheinen beiden Figuren geradezu zu Posterboys der Verschwörer avanciert zu sein, werden sie doch auf ihrer Website in zahlreichen Beiträgen zitiert. Geri Müller, nach eigener Aussage ebenfalls ‚nicht restlos überzeugt von der offiziellen Leseart von 9/11‘, befindet sich gar im Facebook-Freundeskreis von Dominic Schriber.
Wird fortgesetzt…
[2] de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Erdmann
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